"Synchromies"

Marie-Thérčse Vacossin mit «Synchromies» in der Zürcher Galerie La Ligne

 

Begegnung als Ort sublimer Energie

 

Kontraste spielen, sie sind aktiv. Kontraste verbinden sich in und mit einem choreografischen Dialog. Musikalische Strukturen und nuancenreiche Töne entführen ins Reich der Synästhesie. Dabei befinden wir uns im Wirkbereich der Farbe ­ in konsequenter Reduktion der bildnerischen Mittel, aufgrund einer seit Jahrzehnten durchgehaltenen Haltung: die Farbe Farbe sein zu lassen. Die Ausstellung «Synchromies» von Marie-Thérčse Vacossin hier in der Galerie La Ligne ist auch als Hommage für ihren leidenschaftlichen Einsatz im Dienst der Farbe gedacht, den sie seit einer wunderbaren Anzahl an Jahrzehnten leistet. Auch die einstige lehrende Vermittlung im Malatelier und die noch immer aktuelle Dienstleistung gegenüber anderen Künstlern und Künstlerinnen, wie sie mit der von ihr mitbegründeten kleinen feinen und international renommierten Edition Fanal erbracht wird, bereichern ihren grossen Rucksack an künstlerischer Engagiertheit.

 

Der Umgang mit Farbe scheint wundersam jung zu halten auch der Humor. Farben sind die Töne des Lichts. Farbtöne beziehungsweise Farbflächen können auch mit Buchstaben verglichen werden, die erst in einer bestimmten Anordnung gehaltvolle Aussagen hervorbringen. Die Farbe braucht Mitspieler, Farben brauchen Farben, sie brauchen Wechselseitigkeit, um von innen heraus abzustrahlen, um zu leuchten. Farbgewebe verlangen Zeit und noch mehr, sie verlangen gedehnte Zeit, um wirklich gelesen zu werden, um die Farbe sehen zu können. Farben sind ständig auf Wanderschaft.

 

«Die nächste Revolution in der Kunst wird das unveräusserliche Recht jeder Kunst anerkennen, frei von allen anderen Künsten zu sein, frei, sich selbst zu sein, und frei von sich zu sein.

Kunst als Kunst bedeutet eine Konzentration auf die wesentliche Natur der Kunst. (...)

Der Lohn der Kunst ist ihre Tugend selbst.»

 

Diese Zeilen hielt Ad Reinhardt in seinem Text «Die nächste Revolution» fest, und diese Zeilen waren in dem Katalog abgedruckt, der 1973 die Ausstellung des Künstlers im Kunsthaus Zürich begleitet hatte, und diese Ausstellung hatte Marie-Thérčse Vacossin besucht: Ad Reinhardt öffnete ihr die Augen. Von Ad Reinhardt waren nicht nur seine schwarzen Bilder zu sehen, sondern auch Gemälde in wirkkräftigen Blau- und Rottönen.

 

«Die Malerei ist ein Teil des Lebens», sagt Marie-Thérčse Vacossin mit Bestimmtheit: kurz und bündig, doch gleichzeitig verweisend auf eine unermessliche Offenheit. «Wenn etwas klar zu sein scheint, hat man schon verloren», fügt sie an. Sie verstehen oder ahnen vielleicht, weshalb die Künstlerin noch immer Tag für Tag in ihrem Atelier steht mit der Neugier auf noch nicht Gesehenes.

 

«Synchromies» nennt sie ihre Ausstellung. Synchromie (im Singular) ist ein erfundenes Kunstwort, das sich aus der griechischen Vorsilbe syn = zusammen mit /zugleich und chroma = Farbe herleiten lässt. Synchromismus war als Kunststil Anfang des letzten Jahrhunderts aufgekommen und geht vornehmlich auf die beiden amerikanischen Maler Morgan Russell und Stanton McDonald Wright zurück. Dass die assoziative Nähe zum Begriff Symphonie auffällt, kommt nicht von ungefähr. Die Absicht von Russell und Wright war es, eine Farbtheorie in der Malerei zu formulieren, in der die Beziehungen zwischen reinen Farben und abstrakten Konfigurationen Rhythmen und musikalische Beziehungen erzeugen sollten. Orphismus, man denke nur an Robert Delaunay, und Synchromismus waren parallellaufende Stile, die um eng Verwandtes kreisten. 

Rhythmen und Akkorde begleiten auch die Farbflächenmalerei von Marie Thérčse Vacossin. Es ist von zentraler Wichtigkeit, ob die Farbbänder enger oder weiter auseinanderliegen, ob sie dunkler oder heller gehalten sind, kalt oder warm, und wie es sich mit der Sättigung der Farben verhält. Die Komposition der Bilder hängt entscheidend von der Rezeption der Farbe ab. Im Grunde geschehen Farbgebung und Komposition im gleichen Moment. Die langjährige und immer subtiler austarierte Farberfahrung weiss gleichsam um die Stütze eines den Bildern eingeschriebenen Netzes, dessen Proportionen geometrisch aufgebaut sind. Die Farbtonwechsel spielen auf der Klaviatur der Rhythmik. Da sich das Wesen der Farbe in Beziehungen offenbart, feilt Marie-Thérčse Vacossin an den für sie stimmigen Mischverhältnissen.

 

Immer neu versetzt das aus der Farbe aufscheinende Licht in Erstaunen.

 

Spannungen, Bewegungen, Harmonien, Modulationen, Kontraste, Akkorde sind die Wegbereiter für die Farboffenbarung. Ein Konzept und der persönliche Sinneseindruck sind gleichermassen bedeutsam die Rationalität und das Gefühl suchen sich in immer wieder anders errungenen Verbindungen auszubalancieren. Klang ist das simultane Erleben der Beziehung von Tönen, aber auch von Farben untereinander. Das Erleben eines Farbklangs geht mit der Empfindung einer Lichtstimmung einher. Was eine Tatsache ist, wirkt doch immer wieder wundersam: Farbtöne erscheinen stets anders als sie sind. Für den Zauber des Erscheinungswandels ist die Quelle vornehmlich im Simultankontrast zu suchen.

 

Physikalische und mathematische Beziehungen vermitteln sich in einem sinnlich-seelisch erlebbaren (Klang-)Bild. Dabei sind farbige Nachbilder oder optische Täuschungen gesetzmässig und alles andere als willkürlich zu verstehen. Tauchen Sie ein in die Wirkungsvielfalt von Farbtönen, die der gleichen Familie angehören, doch in unterschiedlicher Helligkeit und Klarheit auftreten. Lange Zeit musste dafür gekämpft und sensibilisiert werden, die Farbe von ihrer Stofflichkeit befreit wahrzunehmen und sie als Weltenerscheinung zu realisieren. Der Simultankontrast ist von einem äusserst dynamischen und nicht minder flüchtigen Wesen, was im Grunde die Irritationskraft und den Überraschungseffekt der Unstofflichkeit von Farbe noch steigert.

 

Folgen Sie mir in das kleine Kabinett, das auf der anderen, auf der hinteren Seite seiner Wände ein Feuerwerk an Farbblitzen aufscheinen lässt. Click, click, tack, tack, das Auge springt von Werk zu Werk in der freien Hängung. Das eigene Sehen ist gleichsam aktiv spürbar. Die Befreiung der Farbe von ihren stofflichen Festlegungen scheint noch einen Dreh weitergetrieben worden zu sein. Wir sind im Reich der «phosphčnes», diesen wie aus einem Springbrunnen emporschiessenden inneren Lichtern. Stellen Sie sich Marie-Thérčse Vacossin mit geschlossenen Augen vor, vielleicht entspannt unter der Dusche, in einem Raum also ohne sonderlich prägnante Lichtquellen. Das Licht von aussen hat keine Rolle gespielt beim Wahrnehmen der leuchtenden Empfindungen und «Sehen» der Farben mit geschlossenen Augen, das Entspannt-Sein, die innere Ruhe, bis hin zu einer Art befreitem Leeregefühl dagegen schon.

 

Marie-Thérčse Vacossin hat sich die Farbtöne jeweils auf kleine Zettel notiert, die ihr als «disques», als Farbscheiben, mit den geschlossenen Augen erschienen sind. Ein bisschen wie in einer Zauberwelt. Sie sprach mir gegenüber von einem optischen Komplementären, als wir die Farbeindrücke zu beschreiben versuchten. Und da war noch dieses ganz wesentliche Dritte, auf einer zweiten, auf einer nächsten Ebene gleichsam, vielleicht eine Art Vermischung. Die Quelle der dritten Farbe zu erkunden, musste und muss spekulativ bleiben. Ich fragte mich zuhause, ob vielleicht das sogenannt optisch Komplementäre und das schillernde Phänomen des Simultanen bei der Entstehung der dritten Farben auf nicht wirklich durchschaubare, wohltuend rätselhafte Weise zusammenwirkten. Vielleicht stecken elektrische Stimulationen der Retina hinter den Feuerwerken. Im Zusammenspiel mit den mal eher kraftvoll-ruhigen, mal eher meditativ gestimmten grossen Arbeiten auf Leinwand lösen die kleinen kontrastreichen Arbeiten auf schwerem qualitätsvollem Papier einen spannungsreichen Dialog hinsichtlich der Lebendigkeit von Farbe und ihren ureigenen Gesetzen aus.

 

Das Ambiente wechselt, die Farbräume wechseln. In den Plexiglassäulen verliert sich der Blick ständig aufs Neue. Sehr bescheiden müsse man sein, sagte mir Marie-Thérčse Vacossin in ihrem Basler Atelier, das (Er)-Hören sublimiere sich selbst.

 

Ein sublimes Schimmern und Vibrieren setzt die Betrachtenden auf Entzug, festlegen zu wollen, beschenkt sie dafür mit der Bereicherung des Zulassens als Intensivierung der eigenen Lebensexistenz.

Herzliche Gratulation nachträglich zum runden Geburtstag, der wie eine persönliche Hommage an das Schöpfungscredo einer unentwegten Offenheit erscheint.

 

© Sabine Arlitt, Zürich, Februar 2020

© Galerie La Ligne Zürich, Februar 2020